Georg Weerth

Leben und Werk

Ein kleines Heft mit einigen Briefen, Gedichten und Satiren Weerths wurde von der GWG e.V. Detmold sorgfältig kommentiert und steht zum Download bereit.

Georg Weerth wird am 17. Februar 1822 als Sohn des liberalen, aus dem Rheinland stammenden Superintendenten Ferdinand Weerth und dessen Frau Wilhelmine in Detmold (GeburtshausGedenktafel) geboren. Aufgrund einer ernsten Erkrankung des Vaters verlässt er mit 14 Jahren das dortige Gymnasium, um in Elberfeld eine kaufmännische Lehre zu beginnen. Der Vater und eine Schwester Georgs sterben kurz nach seiner Abreise.

In seiner Elberfelder Lehrzeit hat er vermutlich ersten flüchtigen Kontakt mit dem Gymnasiasten Friedrich Engels. 1837 lernt er den unwesentlich älteren Ferdinand Freiligrath näher kennen, einen Nachbarn aus Detmold, der in Barmen Kaufmann geworden ist.

Über ihn und über Hermann Püttmann findet er als Kaufmannslehrling 1838 zur Dichtung. 1839 wird er voller Stolz Mitglied eines örtlichen Literaturkränzchens.

Nach Abschluss der Lehre sucht er bereits nach einer Stelle in Südamerika (Buenos Aires), einem Kontinent, den er später noch oft und lange bereisen wird. Er landet aber in Köln (1840), wo er neben seiner Arbeit die interessanteren Facetten der Kölner Kultur vor allem in Form des Karnevals (1841 im Kostüm des Don Quijote) begeistert erforscht. Hier veröffentlicht er auch seine ersten schriftstellerischen Versuche (Karnevalslied), die seine fromme Mutter dazu bringen, ihn zu einem gottesfürchtigen Leben zu ermahnen — ohne Erfolg. Georg hat gelernt, mit gutem Gewissen das Leben mehr zu lieben als den Katechismus, den sein Vater für Lippe schon modernisiert hatte.

1842 beginnt ein neuer Lebensabschnitt: Bei einem verwandten Kapitalisten in Bonn (dem Vorbild des Herrn Preiß in Weerths Humoristischen Skizzen aus dem deutschen Handelsleben) wird er als Korrespondent eingestellt. Er nutzt die Zeit in Bonn dazu, Vorlesungen an der örtlichen Universität als Gasthörer zu besuchen und in zwei Dichterkreisen mit spätromantischer Ausrichtung mitzuwirken.

1843 veröffentlicht er zum wiederholten Missfallen seiner Mutter das Gedicht Die Schenke. Im Mai beteiligt er sich an der Kampagne für Pressefreiheit und die Emanzipation der Juden, in deren Verlauf er durch Zufall feststellt, dass der Bonner Oberbürgermeister, der öffentlich für die Judenemanzipation eintritt, in Wirklichkeit ein Judenfeind ist. Er veröffentlicht den Skandal und wird damit für seinen Onkel, der ein Vertrauter des Bürgermeisters ist, als Angestellter unhaltbar. Georg hat aufgrund seiner politischen Überzeugung gegen seinen Arbeitsvertrag verstoßen. Das verzeiht bis heute kein Kapitalist, nicht einmal seinem Neffen.

Georg sucht nach einer Anstellung im damals fortgeschrittensten kapitalistischen Staat, in England. Die erste Reise nach London, das er als ebenso großartig wie bedrückend wahrnimmt, endet erfolglos. Aber im Herbst 1843 erhält er eine Anstellung in Bradford, einer der fortgeschrittensten (und damit auch unerträglichsten) kapitalistischen Industriestädte. Der schreibgewandte und sachkundige junge Mann, der inzwischen recht gut Englisch spricht und mit offenen Augen seine neue Umwelt betrachtet, wird wegen seiner Beziehungen zu Hermann Püttmann (Kölnische Zeitung) zu einem wichtigen Berichterstatter über das „exotische“, industriell fortgeschrittene England. Die rheinischen Kapitalisten wollen wissen, welche Möglichkeiten und Gefahren in dem aufstrebenden Wirtschaftssystem lauern, dem sie ihre Einkünfte verdanken.

Georg, der gerade 22 Jahre alt ist, macht in seinen Jahren in Bradford allerdings eine Entwicklung durch, die ihn zum Korrespondenten der rheinischen Kapitalisten ungeeignet werden lässt. In Manchester besucht er den jungen Friedrich Engels, der dort (so würde man heute sagen) im mittleren Management einer Textilfirma arbeitet und bereits aus eigener Anschauung und durch Kontakt mit Führern der englichen Arbeiterbewegung die furchtbaren Auswirkungen des Kapitalismus auf die Lebensbedingungen der Arbeiter und ihrer Familien kennt.

Anders als es heute bei „hoffnungsvollen“ Nachwuchsmanagern oder Erben von Kapitalisten üblich ist, sind sie von diesen Auswirkungen „der Wirtschaft“ unangenehm betroffen. Ihre Sympathie gehört den elenden Opfern dieser Wirtschaftsweise, vor deren Leid sie nicht die Augen verschließen. Eine heute beliebte Aussage wie „Eure Armut kotzt mich an!“ wäre für sie undenkbar gewesen. Weerth bemüht sich, mehr über die Lebensbedingungen der Arbeiter zu erfahren und den Zusammenhang zwischen ihrer Armut und dem von ihnen produzierten Reichtum zu erkennen. Er interessiert sich auch sehr für den aufkommenden Kampf der Arbeiter gegen ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen, der in England damals von den Chartisten angeführt wurde. Einige ihrer Führer lernt er persönlich kennen und schätzen (bevor er später feststellen muss, dass sie als Parlamentsmitglieder die Interessen ihrer Anhänger schmählich verraten — heute hält man das für selbstverständlich, damals regte das noch größere Menschenmengen auf). Er versucht, seine Erfahrungen (aus erster und zweiter Hand) und die sich daran anschließenden Gedanken in Berichte und Gedichte umzusetzen. Zu seiner Fortbildung studiert er die Schriften moderner Philosophen (wie die von Feuerbach, die ihn zum Atheisten machen) und der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaftler, an denen sich gleichzeitig auch der ihm persönlich noch unbekannte Karl Marx kritisch abarbeitet.

hn trifft er 1845 auf einer Reise nach Brüssel, das damals ein gleichermaßen wichtiges Zentrum des Textilhandels wie der politischen deutschen (v. a. preußischen) Emigration ist. Neben Marx trifft er Heinrich Bürgers und Moses Heß, zwei wichtige Gestalten des frühen Kommunismus. Zurück in London, feiert er zusammen mit dem Handwerker-Kommunisten Weitling und vielen anderen ein Meeting zur Erinnerung an die erste Französische Revolution.

Ein beruflicher Aufstieg Georgs zum Agenten der Bradforder Textilfirma für Belgien, die Niederlande und Frankreich erlaubt es ihm, diese Länder regelmäßig zu bereisen und gleichzeitig für das von Karl Marx und Friedrich Engels gegründete Kommunistische Korrespondenzkomitee Kurierdienste zu leisten und Kontakte zu pflegen. 1847 wird der Bund der Gerechten konsequent in „Bund der Kommunisten“ umbenannt (weil ein Kommunist nicht auf eine gerechte Instanz hofft, sondern seine Interessen selbst vertritt). Manche Biografen behaupten, dass Georg Weerth Mitglied dieses Bundes gewesen sei. Es gibt aber zu viele gegenteilige Aussagen, auch in Briefen, die nicht nur taktischer Rücksichtnahme geschuldet sein können.

Jedenfalls fühlt sich der junge Weerth diesen Kommunisten euphorisch verbunden. Als im September 1847 in Brüssel ein Freihandelskongress tagt (die zeitgenössische Entsprechung der heutigen WTO- und G8-Kongresse), hat Weerth überraschend die Möglichkeit, als Redner aufzutreten, und er ergreift das Wort im Namen der Arbeiter, spricht sich für den Freihandel und gegen Protektionismus aus, bestreitet aber energisch, dass die Durchsetzung des Freihandels irgend etwas an den Lebensverhältnissen der Arbeiter zum Besseren ändern werde. Das heißt, er zerreißt das soziale Mäntelchen, mit dem die Freetrader ihre ökonomischen Interessen verdecken, um sich Unterstützung von den Arbeitern gegen die Adeligen zu holen, die ihre heimischen Agrarprodukte durch Schutzzölle gegen ausländische Konkurrenz absichern wollen. Seine Rede wird in vielen europäischen Zeitungen erwähnt, teilweise auch abgedruckt.

Marx, der selbst auf dem Kongress nicht mehr hat reden dürfen, ist sauer auf den unverhofften Erfolg des politischen Grünschnabels Weerth, der plötzlich zum gefragten Salonlöwen wird, und den man zwei Monate später in den Vorstand der Association démocratique wählt.

Das Jahr 1848 verändert Georg Weerths Leben ganz entscheidend. Was die Kommunisten schon seit längerer Zeit erwarten (vor allem in England), ereignet sich im Februar 1848 in Paris: eine Revolution. Da muss Georg natürlich sofort hin. Sein Beruf und die guten Eisenbahnverbindungen ermöglichen dies. Die deutschen Demokraten zeigen ihre Unterstützung der neuen Revolutionären Regierung unter der Führung von Georg Herwegh in machtvollen Demonstrationen. Weerth ist mit Begeisterung dabei.

Als die Hoffnung wächst, dass es auch in Deutschland revolutionäre Bestrebungen geben könnte, reist Weerth auf Anraten von Marx nach Köln, wo er sich an den Vorbereitungen zur Herausgabe einer Zeitung beteiligt. Nachdem das Geld über Anteilsscheine zusammen gebracht worden ist, erscheint ab Juni 1848 die Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie unter der Leitung von Karl Marx. Viele alte Bekannte von Weerth arbeiten an diesem ehrgeizigen Unternehmen mit. Neben Engels auch später Freiligrath. Weerth selbst hat sich durch zahlreiche kürzere Veröffentlichungen bereits einen Namen als scharfzüngiger und humorvoller Beobachter und Kritiker der Realität gemacht und übernimmt auf Bitten von Marx das Feuilleton der Zeitung, den unterhaltenden, literarischen Teil, der aber der politischen Linie des Blattes verpflichtet ist.

Getreu der von Marx und Engels vorgegebenen Leitlinie, dass in dieser Revolution von den Kommunisten das Bürgertum in seinem Streben nach Herrschaft unterstützt werden müsse, bevor das Proletariat in der Lage sei, mit seinem unmittelbaren Widerpart den Kampf um die Macht zu führen, greift Weerth also vor allem die deutsche Reaktion an, in jeder Hinsicht idealtypisch dargestellt durch einen Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung, den Fürsten Felix von Lichnowsky. Anknüpfend an eine Idee Heinrich Heines (der für Weerth ein großes literarisches Vorbild war), gibt er diesen erotischen, finanziellen und politischen Abenteurer unter dem Spottnamen „Schnapphahnski“ der Lächerlichkeit preis. Die Artikelserie „Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski“ wird von Weerth unterbrochen, kurz nachdem der Fürst Lichnowsky als Spion von Revolutionären am 18.09.1848 erschossen worden ist. Daraus wird ihm ein juristischer Strick gedreht, weil das als Eingeständnis gewertet wird, er habe mit „Schnapphahnski“ Lichnowsky gemeint und so das Andenken eines Verstorbenen beleidigt. Nach langem Hin und Her wird Weerth von der alles andere als revolutionären preußischen Justiz (Marx ist bereits am 19. Mai 1849 aus Deutschland ausgewiesen worden, die Neue Rheinische Zeitung stellt darauf ihr Erscheinen ein; ihr letzter Feuilleton-Artikel ist Weerths "Proklamation an die Frauen") im Juli 1849 zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Weerth hat inzwischen seine Geschäftsreisen wieder aufgenommen, weil der Handel nach einer vorübergehenden Flaute durch die revolutionären Ereignisse in ganz Europa wieder in Gang gekommen ist. Die preußische Justiz hat auf ihn im Ausland keinen Zugriff. Trotzdem entschließt er sich, zu Beginn des Jahres 1850 die Haftstrafe im Kölner „Klingelpütz“ abzusitzen. Seiner alten Mutter spielt er brieflich vor, auf einer Reise in der Schweiz zu sein. Seine politischen Freunde sind enttäuscht von seiner „Kapitulation“, aber Weerth hat angesichts des Sieges der deutschen Reaktion jede Hoffnung auf eine Revolution in Deutschland aufgegeben. Aus beruflichen Gründen möchte er zukünftig auch durch Preußen reisen können, ohne steckbrieflich gesucht zu werden. Deshalb sitzt er die Strafe unter – wie er selbst schreibt – recht passablen Umständen ab. Anderen Revolutionären geht es wesentlich übler, vor allem den Kommunisten unter ihnen (oder denen, die dafür gehalten werden). Viele müssen emigrieren, einige verschwinden für lange Zeit unter wesentlich schlechteren Haftbedingungen im Gefängnis, andere werden hingerichtet.

Wegen der Einschätzung der politischen Situation als hoffnungslos im Sinne der Demokratie (und erst recht im Hinblick auf den Kommunismus) lässt sich Weerth auch nicht mehr zur Mitarbeit an einer neuen Zeitung bewegen, obwohl Marx und Engels ihn darum bitten. (Es kommt aber weder zu dem erhofften WIederaufflammen der Revolution noch zu einer dauerhaft erscheinenden kommunistischen Zeitung.) Zwischen 1851 und 1856 reist Weerth viel in Europa und in Nord-, Mittel- und Südamerika (wobei er wahrscheinlich auch Kurierdienste für den Bund der Kommunisten erledigt), schreibt aber nur noch Briefe und (nicht erhaltene) Tagebücher. Er betätigt sich weder politisch noch publizistisch. Bei einem Zwischenbesuch im alten Europa mach er auf den ärmlich lebenden Marx einen sehr "verbürgerlichten" Eindruck.

Nachdem er sich nach einer längeren Amerikareise entschlossen hat, eine feste Agentur in der Karibik zu übernehmen, kommt es noch zu einer für Weerth tragischen (weil unerwiderten) Liebe zu Betty Tendering, einer Cousine zweiten Grades. Er reist ihr durch halb Europa hinterher, um sie zu bitten, seine Frau zu werden, was sie aber ablehnt. (Betty erscheint in ihren Briefen an Georg als eine sehr moderne, nach Emanzipation strebende junge Frau, die ihrer selbst aber sehr unsicher ist und sich ein frühes tragisches Ende prophezeit. Erstaunlich, dass sie später einen wenig fortschrittlichen Brauereibesitzer heiratet und über 70 Jahre alt wird.) Georg Weerth dagegen stirbt ein Jahr nach dem vergeblichen Liebeswerben auf einer Reise durch Kuba am Gelbfieber.

Kuba hat er sich vorher für die nächsten Jahre zu seinem Lebensmittelpunkt ausersehen, vor allem, weil er dort als Kaufmann schnell reich werden konnte, aber auch, weil er dort künftige revolutionäre Veränderungen vorausahnte (die Kubaner begannen sich gegen die spanische Kolonialherrschaft aufzulehnen). Seine in Briefen geäußerten Zukunftspläne, deren Grad von Ernsthaftigkeit nicht immer leicht einzuschätzen ist, sehen vor, in der Karibik schnell reich zu werden, um sich dann mit einem stattlichen Vermögen in Detmold niederzulassen und literarische Werke zu schreiben. (Das hat er aber nicht an seine Revolutionsfreunde geschrieben, sondern an seine geliebte Betty.)

Die Regierung der Republik Kuba hat auf Anregung der Ostberliner Humboldt-Gesellschaft dem Freund von Karl Marx und Friedrich Engels eine kleine Gedenkstelle gewidmet — dort, wo die Friedhofsmauer steht, in der Georg Weerths Überreste aufbewahrt worden sind (23,1401º N/82,3756º W). Nach Information von kubanischen Gewährsleuten sollen sie sich noch an diesem Ort befinden: "Das Team der Historiker des Kolumbus-Friedhofes führte gründliche Nachforschungen durch, um festzustellen, wo sich die Gebeine Georg Weerths befanden, des einsamen Ausländers, der in dieser Stadt starb. Man stellte fest, dass diese nicht auf dem neuen Friedhof überführt worden waren und sich noch im Nischengrab des Friedhofes Espada befinden." (Information vom 11. Juni 2006) Auch wenn es sich eher um einen Schluss nach kubanischer Logik ("Wenn etwas nicht offiziell von A nach B transportiert wurde, ist es noch am Ort A.") als um eine gesicherte Information handelt, wollen wir das mal glauben, auch wenn Weerth bekannt dafür war, dass er nirgends lange weilte.

Eine recht umfangreiche Sammlung von Werken Weerths (allerdings mit vielen Fehlern, die nach dem Einscannen nicht korrigiert wurden) wurde auch schon ins Internet gestellt.

In dem im Aufbau befindlichen Online Lexikon "Autorinnen und Autoren des Vormärz" des mit dem Aisthesis Verlag eng verbundenen Vereins Forum Vormärz Forschung e.V. ist Weerth selbstverständlich einer der ersten zehn Autoren.

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